“SHS als Schule der Demokratie”

DEMOKRATIE-DEFIZIT IN SHS?

Seit 2009 sind in bestimmten Abständen und in unterschiedlichen Zusammenhängen (JuPa, NW-Jugendreporterteam, SV-Seminare und Demokratieworkshops) Umfragen zum Thema „Partizipationsinteresse bei Jugendlichen in SHS“ durchgeführt worden. Der Querschnitt aller Befragungen ergibt in etwa folgendes Bild:

  1.  80 % der Jugendlichen geben an, dass sie sich in SHS wohl fühlen.
  2.  82 % der Jugendlichen empfinden es als unbedingt notwendig, an Entscheidungsprozessen in Familie, Schule, Freizeit und Politik beteiligt zu sein.
  3.  73 % der Jugendlichen finden es wichtig, dass es in der Schule und in der Kommunalpolitik spezielle Verfahren und Institutionen der Beteiligung gibt.
  4.  63 % der Jugendlichen interessieren sich aber eher nicht bis gar nicht für die schulischen und kommunalpolitischen Vertretungsgremien. Die Anzahl der Jugendlichen, die sich gar nicht für Politik sowie JuPa und SV interessieren, ist fünf Mal höher als die Anzahl derjenigen, die sich sehr für dafür interessieren.
  5.  55 % der Jugendlichen wissen nicht, ob ihre Interessen von Kommunalpolitikern gut vertreten werden, fast genauso viele bezweifeln, dass in der Schule ihre Interessen zur Sprache kommen.
  6.  63 % der Jugendlichen finden, dass Kommunalpolitiker und andere Interessenvertreter den Kontakt zu ihnen verbessern müssen.

Schaut man sich dazu an, dass die Wahlbeteiligung bei den Kommunalwahlen in SHS 1994 bei über 80 % lag und 2014 einen Wert von 50,5 % erreichte, dann ist das Demokratiedefizit nicht nur ein Problem der Jugend, sondern auch der Erwachsenen.

Dies vor Augen, führt das 3-Schulen-Theater (3ST) im Zeitraum April 2015 bis März 2016 das Projekt „SHS als Schule der Demokratie“ durch.

 

ZUSAMMENSETZUNG UND ORGANISATION DER GRUPPE

Die Projektgruppe besteht aus 24 Jungendlichen und jungen Erwachsenen, von denen ein Großteil aus der Lisa-Tetzner-Hauptschule, der Realschule und dem Gymnasium von SHS stammen. Mit dabei sind aber auch Azubis und Studenten der Fachhochschule Bielefeld sowie der Universität Bielefeld. Die Alterspanne beträgt 11 bis 25 Jahre. Die Zusammensetzung der Gruppe ist damit sehr heterogener, als dies bei sonstigen schulischen und außerschulischen Lerngruppen der Fall ist.

Die Teilnehmer haben sich auf folgende Organisationsstruktur geeinigt: Als theaterpädagogische Fachkraft ist Demokrat Ramadani (LAG Spiel und Theater NRW e.V.) der Leiter. Die Projektgruppe bestimmt aus ihrer Mitte zwei Co-Leiter. Desweiteren teilt sich die Gesamtgruppe in zwei Teams auf: 15 Schauspieler und 9 Regieteammitglieder. Geprobt wird mit den Schauspielern und vorbereitet wird mit dem Regieteam (mit der Option, dass jeder Schauspieler, sich zusätzlich dem Regieteam anschließen kann). Darüber hinaus gibt es vier Arbeitsgruppen: 1) Bühnenbild, 2) Requisiten und Kostüme, 3) Aufführungsräume sowie 4) Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit.

Um die Koordination und die Transparenz zu gewährleisten und ein funktionsfähiges Plenum zu schaffen (dieses ist nämlich im Projektgefüge dasjenige Organ, welches die wesentlichen Entscheidungen fällt) ist ein Kommunikationsforum über die kostenlose Applikation „Evernote“ (https://evernote.com/intl/de/) errichtet worden. Hier sind alle wichtige Materialien hochgeladen, auf die alle jederzeit Zugriff haben und an denen alle gleichzeitig arbeiten können. Mit einem bedienerfreundlichen Chat-System ist das Kommunizieren über Evernote einfach und gut. Auf diesem Wege hat das Theaterprojekt eine medienpädagogische Komponente erfahren, die den Jugendlichen zeigen soll, dass Smartphones, Tablets und Laptops nicht nur zum Daddeln, Surfen und Chatten da sind, sondern dass man mit ihnen effektiv und gut als Team arbeiten kann.

 

PHASEN DES PROJEKTES

Das Projekt durchläuft im Zeitraum April 2015 bis März 2016 folgende Phasen:

1. Teilnehmer als Ausgangspunkt: Reflexion der Eigen- und Besonderheiten

Die Jugendlichen bekamen in Anlehnung an die Methoden des biographischen Theaters die Möglichkeit, sich selbst als Personen zu begreifen, die durch ein vielseitiges Netz aus Beziehungen und Kontexten mit anderen verbunden sind. Durch Schreibaufträge waren sie angeregt, sich selbst in unterschiedlichen Zusammenhängen zu reflektieren: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was sind meine Wünsche und Ängste? Was sind meine Stärken und Schwächen? Was treibt mich im Leben an (Motivation, Leidenschaften, Herzblut)? Was zieht mich im Leben unter (Demotivation, Ängste, Sorgen)? In welchem sozialen Umfeldern bewege ich mich und mit welchen Leuten haben ich dort zutun? Welchen Erwartungen begegne ich hier und welche habe ich selbst? Mit wem fühle ich mich verbunden? Warum gerade diese Menschen? Wann lasse ich mir gerne etwas von anderen sagen und wann nicht? Wann habe ich mich das letzte Mal für oder gegen etwas ausgesprochen/ mich für oder etwas eingesetzt? Und warum? An Schloß Holte-Stukenbrock gefällt mir besonders gut/ gar nicht…? Was müsste unbedingt in SHS verändert bzw. verbessert werden? Wie könnte ich dazu beitragen? Was bedeutet Demokratie für mich? Auf diese Weise sind die Jugendlichen schrittweise und höchstindividuell in das Themenfeld des Projektes eingetaucht.

2. Demokratie als Dualität: Regierungsform und Lebenseinstellung?

In der nächsten Etappe ging es darum, den Jugendlichen aufzuzeigen, dass Demokratie eine Dualität aus politischer Struktur (Regierungsform!) und politischer Kultur (Lebenseinstellung!) ist. Demokratiedefizite können somit auf beiden Waagschalen vorkommen. Mit der Methode des moderierten Gesprächs haben die Heranwachsenden darüber diskutiert, woraus Interesse oder Desinteresse unter Jugendlichen herrühren. Die Projektteilnehmer übten sich darin ein, Spekulationen anzustellen und Erklärungsversuche zu unternehmen. Die unterschiedlichen Beiträge zum Gespräche wurden zu schriftlichen Thesen verdichtet und festgehalten, um sie im Laufe des Projektes und v.a. bei dessen Reflexion wieder hervorholen und besprechen zu können.

3. Kommunalpolitik im Fokus: Empirische Forschung vor der eigenen Haustür

Als ergänzende Recherchen für die Inszenierung des Stückes nehmen die Jugendlichen die politische Struktur und die politische Kultur von SHS mit einem forschenden Ansatz unter die Lupe nehmen. Dazu haben wir eine Auswahl von empirischen Methoden getroffen:

1) Beobachtung von Fraktions-, Ausschuss- und Stadtratssitzungen (zunächst einmal ganz unvoreingenommen und dann mit Hilfsfragen);

2) Fragebögen für die Erwachsenen, Jugendlichen und Kommunalpolitiker;

3) Interviews mit den Vorsitzenden der fünf Ratsfraktionen sowie den „Weisen von SHS“ (einigen ausgewählten ehemaligen Politikern und Verwaltungsbeamten) und den Chefredakteuren der beiden Lokalzeitungen;

4) Wahlprogramme auswerten und daraufhin überprüfen, welche Anträge seit Beginn der neuen Legislaturperiode von wem eingereichten wurden.

Kurz vor der Winterpause haben wir unser Projekt sogar zum Thema des kommunalpolitischen Entscheidungsprozesses gemacht. Wir haben uns nämlich dazu entschieden, das Stück im großen Ratssaal der Stadt aufzuführen; dazu hat eine Arbeitsgruppe Anträge geschrieben, Verhandlungen mit der Stadt geführt und die Eckdaten vereinbart.

4. “Coriolanus” als Material: Shakespeares‘ Stück und unsere Adaption

Die Wahl des Stückes ist aus vielen Gründen auf Shakespeares „Coriolanus“ gefallen. Die beiden wichtigsten Gesichtspunkte sind: Zum einen kommen die Jugendlichen durch die Shakespearestücke mit einer Zeit und einem sprachlichen Ausdruck in Berührung, die nicht ihre sind. Zum anderen beschäftigte sich Shakespeare den beiden amerikanischen Professoren Paul Cantor (University of Virginia) und Marjorie Garber (Harvard University) zufolge ganz besonders in seinem „Coriolanus“ mit der Frage, was passiert, wenn politische Struktur und politische Kultur nicht übereinstimmen. Im Regieteam wurde das gesamte Stück gelesen und dann darüber diskutiert, wie sich das Stück mit seinen Figuren und seiner Handlung auf SHS adaptieren lässt. Aus diesen Überlegungen ist eine eigene Rohfassung unter dem Arbeitstitel „Qual der Wahl – oder: Aufstand gegen C. D. U.“ entstanden. Mit den Schauspielern ist der erste Akt des Originals und im Abgleich dazu der erste Versuch der eigenen Adaption behandelt worden. Durch mehrere Überarbeitungsrunden ist unsere Fassung von Coriolanus verfeinert und verbessert worden. Auf diesem Wege haben sich die Jugendlichen sowohl in einen kreativen Schaffungsprozess begeben als auch ihre Textkompetenzen erproben können, bevor das Plenum die endgültige Textfassung beschlossen und die Leiter mit einer Rollenverteilung beauftragt hat. Im weiteren Verlauf der Planungen haben wir uns die Coriolanus-Verfilmung von Ralph Fiennes (2011) angeschaut und anlehnend an filmanalytischen Methoden diese v.a. mit Blick auf die anstehende Rollenarbeit angewendet. Darüber hinaus ist für die Inszenierung die Idee entwickelt worden, dass die Zuschaue nicht bloß Rezipienten unseres Stückes, sonder in ihrer gesellschaftlichen Rolle als Bürger eingebunden werden sollen.