Situation der Flüchtlinge

Nach den Sommerferien sind in Schloß Holte-Stukenbrock innerhalb weniger Tage über 300 Flüchtlinge notuntergebracht worden, die bis Mitte Oktober im Ort bleiben mussten. Damit hat das Thema der Zunahme von Flüchtlingen auch in unseren Ort Einzug gefunden. Vorher nur in welt-, europa- und bundespolitischer Hinsicht aus den Medien bekannt, begegneten die Einwohner von SHS dem Anstieg von Flucht, Vertreibung und Aufnahme ganz direkt und persönlich. Aufgrund dieser Ereignisse ist innerhalb der Theatergruppe die Frage diskutiert worden, ob „diese“ Menschen eigentlich auch zu SHS gehören? Dadurch ist ein Austausch zwischen Jugendlichen gelungen, die selbst als Flüchtlinge in den 1990er Jahren hergekommen waren und seitdem in SHS leben, und solchen, die hier geboren sind und eigentlich nur wage etwas über die Flüchtlingsheime im Ort wissen. Über die Hintergründe von Flucht und Vertreibung, dem Gefühl von Ankommen und Fremdsein sowie der Erfahrung von Einleben und Integration sind die Jugendlichen sehr schnell auf den Aspekt der Abschiebung gekommen. „Wenn ich mir nun vorstelle, dass Ihr zum Beispiel von jetzt auf gleich abgeschobenen werden würdet, dann würde ich unglaublich traurig sein. Ich möchte mir das gar nicht vorstellen“, sagte eine Jugendliche bei der Diskussion.

Wir haben festgestellt, dass allen Beteiligten die Thematik sehr nahe geht und deshalb haben wir uns dafür entschieden, haben den Schwerpunkt unserer Arbeit darauf zu setzen. Mitte Oktober begannen wir uns intensiver mit dem Thema Asyl zu beschäftigen. Dabei sind wir auf die Personengruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (kurz: UMF) gestoßen. Mittels Brainstorming, Schreibaufträgen, Improvisationen und recherchiertem Material ist in mehreren Durchgängen und im Zuge vielseitiger Überarbeitungen das Stück „18“ entstanden. Während der gesamten Recherche- Schreib- und Inszenierungsphase arbeitet die Mediengruppe eng mit der Schauspieltruppe zusammen. Letztere hat u.a. ein Interviewkonzept erarbeitet und mit den Jugendlichen aus der Theatergruppe durchgeführt, in dem in verfremdeter Art und Weise das Asylverfahren imitiert wird. Ihnen ist es dabei besonders gut gelungen, die Ebenen der alltäglichen Lebenswirklichkeit der Jungs und Mädchen mit asylbürokratischen Elementen zu vermischen. Ab hier besteht neben der Dokumentation des Probengeschehens, der Präsentation des Projekts im Internet auf Facebook (https://www.facebook.com/pages/3ST-Drei-Schulen-Theater/615803065 136197) und der eigenen Homepage (www.3schulentheater.de), dem Entwerfen von Flyern und Plakaten sowie der Konzeption des Bewerbungsvideos für die Berliner Festspiele eine ganz besondere Aufgabe der Mediengruppen darin, einen kurzen Film zu planen, zu drehen, zu schneiden und in der letzten Szene unsere Stückes vorzuführen.

Weiterlesen

Wie identifizieren sich Jugendliche aus SHS mit SHS?

Ausgangspunkt unseres Projektes war die Frage, was Jugendliche aus Schloß Holte-Stukenbrock über ihre Stadt wissen und auf welche Weise sie sich mit ihr identifizieren. Angefangen haben wir bei den Wahrzeichen unserer Stadt und den Legenden, die man sich dazu erzählt. Im Anschluss daran haben die Stadtführer und der Heimat- und Verkehrsverein mit uns die Geschichte und die Entwicklung von SHS behandelt: Von der ersten namentlichen Nennung 1153, über die Ereignisse im Zuge der Feindschaft zwischen den Grafen von Rietberg und Kaunitz, die Erbauung des Jagdschlosses „Haus zur Holte“, die erste Industrie durch die „Holter Eisenhütte“, die religiös-geografische Spaltung zwischen Katholiken (Stukenbrock) und Protestanten (Schloß Holte), die Zeit während des Nationalsozialismus, die zwangsweise „Vereingemeindung“ in den 1970er Jahren sowie die Stadtwerdung in 2001. Die Jugendlichen haben sodann eigene Recherchen angestellt, um mehr über die Bewohner des Hauses zur Holte und die Angestellten in der Holter Eisenhütte, überdasMiteinander der beiden Großkirchen und den Konflikt von Holtern und Stückenbrockern, über dieAufnahme von ehemaligen Aussiedlern und den Zuzug der ersten Gastarbeiter herauszufinden. Das erste Drittel dieses Projektes hat somit den Charakter einer Schnitzeljagd oder einer Suche um das Selbstverständnis: 1. Das Selbstverständnis der einzelnen Jugendlichen (Fürsich-Sein), 2. Selbstverständnis von einer Gruppe von Jugendlichen (Füreinander-Sein) und 3. das Selbstverständnis einer ganzen Stadt aus der Perspektive der Jugendlichen (Miteinander-Sein). Wir waren auf der Suche nach einer Metapher und sind dabei auf viele gestoßen: SHS ist „eine Bauerngemeinde“, „eine Seniorenresidenz“, „eine Schützenhochburg“, „ein Karnevalsidyll“, „das Pollhans-Party-Paradies“, „eine Bindestrich-Stadt“, „Welthaus im Kleinen“. Aus diesen mythologischen, historischen und metaphorischen Inputs haben wir dann erste Improvisationen und Szenenkollagen erarbeitet.

Weiterlesen

“18″

Die Zuschauer werden am Eingang der Versöhnungskirche empfangen und willkommen geheißen. Förmlich. Freundlich. Sie werden in ein Foyer geleitet und vor einer großen Leinwand aufgereiht. SHS – MEHR ALS EINEN BESUCH WERT, unter diesem Titel werden Ihnen vier Videoclips gezeigt, die die Stadt Schloß Holte-Stukenbrock im November (nicht mal zwei Wochen nach der großen Flüchtlingswelle) öffentlich präsentiert und die nun auf der Homepage zusehen sind. SHS ist eine finanziell gesunde, kulturreiche, naturnahe und familienfreundliche Stadt.

Danach werden die Zuschauer in den großen Saal der Kirche geführt. Ein Absperrband weist ihnen den Weg vorbei an 15 unterschiedlichen „Lebensräumen“ (wo die Darsteller in ihren Rollen dessen Alltagssituationen spielen) zu ihren Sitzplätzen. Von hieraus haben sie einen guten Blick auf Manuel. Dieser beginnt den Prolog. Es geht um Angst, Ungewissheit, Fremdheit. Es geht um die ersten Gedanken, die er hat, wenn über die Flüchtlinge im Ort gesprochen wird. Das Gefühl von Überforderung schleicht sich ein, wenn er die Weltprobleme und die persönlichen Schicksale der Geflohenen hört. „In solchen Augenblicken kann man sich doch nur an Vertrautheit klammern“, sagt er.

Das Stück „18“ erzählt die Geschichte einer Theatergruppe, die eine Überraschungsparty plant. Die Vorfreude der Jugendlichen ist zu spüren. Sie alle verbinden Sehnsucht und anderes Positives mit dem Volljährig werden. In dieser heiteren Stimmung stellt sich allerdings auch heraus, dass es in der Gruppe ungelöste Konflikte gibt. Angst kommt hier und dort zum Vorschein. In diesem Wechselbad der Gefühle braust sich ein großer Konflikt auf, an dessen Höhepunkt nur noch der Satz für Ruhe sorgen kann: „Hört auf! Er wird nicht kommen.“

Wie eine Bombe schlägt dieser Satz in die Geschichte des Stücks ein und lässt die bis dahin stattgefundene Handlung explodieren. Die Rollen lösen sich auf. Der Raum verschwindet. Eine neue Verortung muss her. „Wo sind wir?“ ist nun die zentrale Frage. Auf der Erde, natürlich! Dem „blauen Planeten“, dem „engen Planten“, dem „gewaltreichen Planeten“: Krieg, Folter, Missbrauch, Unterdrückung, Armut, Vertreibung, Flucht, Existenzängste, Asyl. „Wohin nur? Wo gibt es Rettung?“ In Europa! Dem „Raum des Friedens, der Freiheit und des Rechts“. Der fünf-Sterne-Villa. Der Festung zwischen Blue Card und Schengen, Frontex und Dublin II. Im Zentrum dieses Bollwerks: Deutschland. „Das Land, wo Milch und Honig fließen.“ Oder doch nur „das unerreichbare Ziel“. Eins ist aber sicher: Deutschland ist der Ort mit den höchsten Standards im Asylverfahren und den geringsten Flüchtlingsaufnahmen weltweit. Schloß Holte-Stukenbrock ist ein sehr kleiner Flecken auf der Karte. „Welthaus im Kleinen“ und „Mehr als einen Besuch wert!“ will diese Stadt sein. Aber, auch für Flüchtlinge? Ein Videoclip wird abgespielt: SHS – MEHR ALS EINEN BESUCH WERT. Dieser ist kein offizieller Clip der Stadt, zeigt aber zum Abschluss des Stücks die Ambivalenz, die Zweischneidigkeit, die Ironie der kleinen Werbekampagne.

Weiterlesen